Martin Baumgartner's Spielhuus
GazEta – by Tom Sekowski

Composer Martin Baumgartner explains the concept of "Spielhuus" in this manner, "This conceptual composition is based on the idea of emergent systems and so it works from bottom to top and is strictly democratic. It's basically a collection of rules and signals for improvisation which allows players to make coordinated and predetermined changes in the direction a piece is going. Each and every player can interpose his or her musical idea by raising an arm and using one of the 17 hand signals to give a command to another player or the prompter the system limits each players influence, so it's only possible to throw in a directive which might be picked up by the others and evolve into something new, or otherwise just die off. The prompters influence is rather small and far from what a regular (i.e. real) conductor does. Prompting means to mediate major changes, tell the player whether they will participate in a new subgroup or not, give cues for fast changes, and last but not least watch out for attempts to cheat. Spielhuus is a game and as in any other game there can be cheating!" As far as the actual music is concerned, the fourteen piece orchestra plays a mixed bag of music. Neither jazz, nor free improvisation, nor composed music, this is really a mixture of very disproportionate elements. The gritty guitar work of Christy Doran gets dissected by Vincent Membrez's piano work, while many of the band members are prompted to sing nonsensical cat-calls and screeching guffaws. While Christian Weber manoeuvres his way around the vocal section, Markus Muff steps in with a barrel of trombone concoctions. Many of the pieces have a jagged, broken-up mentality. Just as a piece is progressing, Baumgartner breaks-up the flow and enforces a change of direction for his ensemble. Otherwise, "Spielhuus" is a free-for-all, loose musical stew.



Die wilde, kindliche Lust des Martin Baumgartner

Tages-Anzeiger, Christoph Merki

Auf diesem Album machen die Musiker auf ihren Instrumenten alles, was Gott verboten hat. Die Saxophone wiehern, zetern. Die E-Gitarre schickt die Töne durch den Schredder. Und manchmal ist die Musik nur Schlagzeugsounds und Blubbern. Dieses Also ist also ein Heidenspass. „Spielhuus“ heisst es wie eine frühe Kindersendung im Schweizer Fernsehen, und hinter ihm steht der Live-Elektroniker Martin Baumgartner. Und bei ihm spielt die Musik tatsächlich so anarchisch, lustvoll und froh, dass man Instrumentalisten am Werk wähnt, die das Kind im Manne wecken (Frauen gibts keine im 14-köpfigen Ensemble).

Nicht wenige Hörer werden bei den freejazzartigen Tönen sagen: Das ist keine Musik. Andere aber werden finden, dass sie schon lange keine so lebendige Musik mehr gehört haben. Es gibt auf der Platte kaum eine greifbare Melodie oder Harmonie, am konkretesten sind noch gelegentliche Bass-Schlagzeug-Spuren. Man hat den Eindruck, dass die Musiker ihre Instrumente spielen, indem sie mit ihnen spielen. Was nicht nur kindliche Naivität bedeutet, sondern auch Experimentierfreude: Diese CD hat eine sehr seriöse Seite.

Die Musiker, allesamt Topspieler aus dem Umfeld der Jazzschule Luzern, verständigen sich beim Improvisieren über einen Katalog von 17 definierten Handzeichen, Baumgartner arbeitet dabei als eine Art Dirigent. Und er bleibt auch als Dirigent auf gewisse weise ein Live-Elektroniker: Als Herr der Knöpfe und Regler hat er schier unbeschränkt verschiedenartige Sounds zur Verfügung – „Spielhuus“ wirkt nun so, als wolle Baumgartner diesen Reichtum auch mit akustischen Instrumenten heraufbeschwören.



Martin Baumgartner’s „Spielhuus“

Jazz’n’more – Johannes Anders

Diese Liveaufnahmen entstanden in verschiedenen Formationen 2006 und 2008 im Luzerner „Boa“ und „La Fourmi“ und im „Mokka“ in Thun. Das Album ist dem im Sommer 2008 mit 38 Jahren an Krebs verstorbenen Berner Schlagzeuger Fabian Kuratli gewidmet. „Spielhuus“, so heisst es im CD-Text, „ist ein basisdemokratisches Regelwerk, welches jedem Mitspieler dieselben Rechte und Pflichten auferlegt.“ Und weiter: „Die dem Konzept zugrunde liegende Idee ist das Spiel in einem Team, in welchem keiner und doch alle bestimmen, in welche Richtung sich ein Stück bewegt.“ Das Resultat sei „eine Achterbahnfahrt zwischen gänzlich freiem Spiel, Grooves, flächigen Soundscapes und allen Farbbereichen dazwischen, darüber und daneben.“ Es ist, auch wenn man die verschiedenen berühmten Freejazzorchester der Vergangenheit kennt, eine überzeugende schlüssige Musik, nicht zuletzt, weil im musikalische-improvisatorischen Ablauf und freien Kollektivspiel, abseits von totalem Chaos, immer wieder zwanglose wie logisch wirkende formale Elemente aufscheinen. Gesteuert wird das ganze durch einen Katalog von 17 Handzeichen als Grundgerüst der Kommunikation. Der vermeintliche Dirigent, wird betont, nimmt lediglich die Rolle einer Ampel oder eines Vermittlers ein – ein spannendes, ereignisreiches Unterfangen.



Müküs „Nebel“

Jazz’n’more – Pirmin Bossart

Jazz als offenes Laboratorium, in dem sich klassisch-akustische Instrumente und elektronische Gerätschaften gleichberechtigt begegnen und es definitiv hinfällig wird, „Jazz“ von „Rock“ oder „Elektronik“ von „Jazz“ unterscheiden zu wollen. Müküs ist die Band des Bieler Bassisten Lionel Gafner. Das gut besetzte Sextett spapft und schwebt durch die Nebel zwischen Space-Age-Jazz und Prog-Rock-Jazz. Der Gesamteindruck ist mindestens so retro wie urban-zeitgenössisch. Eine sanfte Melancholie liegt in der Luft. Im Timbre und den Melodien des Gesangs, aber auch im kühlen Gemix aus Rhodes und Kontrabassklarinetten- kontrapunkten erinnert das Klangbild an Verwehungen aus der Canterbury-Szene und der englischen Post-Punk-Szene. Die Musik kann ins schillernd Ungefähre strömen, wird aber regelmässig von schönen Melodielinien und rockenden Einbrüchen in Form gehalten. Müküs lassen hören, wie unbekümmert von Traditionen und Trends die jüngere Generation sich ihren eigenen musikalischen Weg sucht. Dazu gehören noisige Sounds und repetitive Motive ebenso wie brachiale Bläserschneisen, Rockriffs und eine popnahe Stimme.



Cadence Jazzmagazine, NY / USA


Veto, Christoph Erb
Nu-Gara, Scope
Nach Silingia, Vera Kappeler Trio
Méthane, Kiku Trio



Das Grosse Ja - BigVeto „100valli“

Das Kulturmagazin, Luzern – Pirmin Bossart

Pb. BigVeto ist das große Ja zum musikalischen Prozess: Ein Unterwegssein mit offenen Fixpunkten. Das zum Sextett erweiterte Quartett Veto des Saxofonisten und Bassklarinettisten Christoph Erb bewegt sich in großen Bögen durch die Koordinaten von Jazz, Rocklust und Noise. Dabei wird nicht Formlosigkeit gepredigt und wild gewuchert, sondern die alte Radikalität neu geordnet. Klassische Jazzthemen verschmelzen mit Elektro-Gewirr, lyrische Atmosphären kontrastieren mit Sequenzen von nackter Wucht. Guter, rauer Sound.



Jazzer im Kreativen Unruhestand

Der Bund – Georg Modestin

…BigVeto „100valli“ schließt musikalisch an ihren Vorgänger aus dem Jahr 2007 (Christoph Erb VETO) an, was sich nicht zuletzt in der Titelwahl niederschlägt. Das einzige, wenn auch achtteilige Stück heißt Mokotow Part III; Part I und II sind auf dem Vorläuferalbum zu hören und bilden, zusammen mit Teil drei ebenso viele Momentaufnahmen aus einem kreativen Prozess. Einiges, was dabei erklingt, ist fixiert; vieles im Fluss, was zweifellos einer Absicht entspringt: Mokotow ist „work in progress“, bei dem dichte Kollektivimprovisationen mit ausgedehnten Soli alternieren. Christoph Erb, aus dessen Feder sämtliche Titel auf den beiden Cds stammen, ist ein Komponist, der Räume öffnet und Wege frei macht. Das Sextett integriert in seinem Spiel die Sicherheit einstudierter Themen und Grooves mit denn Unwägbarkeiten der freien Improvisation. Dabei zeigen sich die sechs Protagonisten dem Rock gegenüber offen und verhindern so, dass der Jazz von dem sie herkommen, selbstreferenziell um die eigene Achse kreist. Insgesamt hat die Musik von „BigVeto“ eine ausgesprochen szenische Qualität. Sie lebt von dramaturgischen Brüchen und motivischen Gegensätzen: mal wirkt sie brachial, mal versonnen; mal rau, dann wieder zärtlich; ungehobelt und wiederum ausgefeilt.



BigVeto „100valli“

allaboutjazz Italy – by Vincenco Roggero / http://italia.allaboutjazz.com

"Mokotow Part I" e "II" erano le due lunghe suites che costituivano l'irrisolto CD Veto, a nome Christoph Erb, mentre "Mokotow Part III" è l'unico brano presente in 100 valli, incisione questa volta a nome Big Veto. Nomi e numeri, si dirà, ma nomi e numeri che contano. Per una questione di continuità, perché 100 valli riprende le fila del discorso iniziato, con la summenzionata incisione del 2007, dal sassofonista e compositore svizzero. Perché Big Veto vede la precedente formazione lievitare grazie all'aggiunta della chitarra e di non meglio identificate diavolerie elettroniche. Perché tutto ciò conferisce una dimensione più organica e adeguata alle insolite idee musicali del leader. In poco più di trenta minuti succede infatti un po' di tutto. Da un inizio caratterizzato da un miscuglio di interferenze, effetti larsen, distorsioni, sfrigolii di valvole si passa ad una libera improvvisazione nella quale i due fiati si scambiano colpi proibiti ed il basso elettrico picchia duro sulle flebili tracce melodiche del brano. Poi una sorta di lamento giocato sugli armonici delle ance viene progressivamente inquinato da rumori di fondo inquietanti e, quando si acquieta, lascia spazio ad una formidabile performance solitaria del contrabbassista Christian Weber, geniale creatore di illusioni sonore. Quindi esplode, violento, un grumo di free-jazz-noise che fa sobbalzare anche l'ascoltatore più avvezzo ad operazioni di terrorismo sonoro, ascoltatore che verrà rinfrancato da una chiusura ingannevolmente dolce e melodiosa.

Disco scorbutico, in alcuni momenti fuggevole e ingannatore, mai e poi mai banale, 100 valli contiene più di un elemento di interesse ed è in grado di pizzicare anche l'ascoltatore più distratto.

Sitle: Inclassificabile

BigVeto „100valli“

allaboutjazz von Vincenzo Roggero / Übersetzung: Christine Pfammatter

„Mokotow Part I“ und „II“ hießen die zwei langen Suiten der unvollendeten CD Veto von Christian Erb, während „Mokotow Part III“ ein einziges Stück ist auf 100valli, eine Neuerscheinung unter dem Titel Big Veto.

Namen und Ziffern, könnte man sagen, aber Namen und Ziffern die zählen. Sie scheinen eine Frage der Kontinuität, denn 100valli nimmt den Faden der Veröffentlichung von 2007 wieder auf, der äußerst einschneidenden CD Veto des Schweizer Saxophonisten und Komponisten, und führt ihn weiter. Denn für Big Veto wurde die frühere Formation um eine Gitarre und um nicht besser erkennbare elektronische „Unverschämtheiten“(!?) erweitert. Das sorgt für einen organischeren und adäquateren Gesamteindruck und unterstützt die außergewöhnlichen Ideen des Bandleaders.

In etwas mehr als dreißig Minuten passiert beinahe von allem etwas. Der Anfang besteht aus einem Soundgemisch aus Störeffekten, Rückkoppelungen, Verzerrungen und Klappen, danach geht es weiter mit einer freien Improvisation, in der die zwei Blasinstrumente sich alternierend „unerlaubte Streiche“ zuspielen, während ein harter Bass die Saiten anschlägt, was den melodischen Teil des Stückes liefert. Darauf folgt eine Art Lamento, ein Spiel mit dem Mundstück, das zunehmend von unruhiger werdenden Hintergrundgeräuschen gestört wird, und, wieder beruhigt, Raum lässt für einen großartigen Solopart des Kontrabassisten Christian Weber, einem genialen Schöpfer klanglicher Illusionen, als plötzlich ein brutaler Brocken Free-Jazz-Noise explodiert, der den noch erfahrensten, an terroristische Lauschangriffe gewohnten Hörer von den Socken haut um ihn, ermutigt, in einen trügerisch sanften und melodiösen Schluss zu entlassen.

Stil: nicht klassifizierbar.



Müküs „Nebel“

Alexandre Caldara / Le Phare CCS Paris

On opéra rock qui sonne comme un conte nordique. Müküs, collectif de six jeunes musiciens de Bienne, raconte Nebel (Brouillard). Müküs fait surgir l’aspect orchestral du nuage gris. Cela donne une fresque ardente, arrangée jusqu’au dernier soupir. Les composition de Lionel Gafner dessinent un paysage de sons escarpése luxuriants. Une base rythmique solide, bien ancrée dans le groove, permet des échappées plus poétiques, moins contrôlées. On y trouve un côté Radiohead pour le versant belle pop complexe. On débarque par moments dans un bal des mutants, avec références appuyées aux groupes éclectiques de John Zorn ou de Robert Wyatt. Le Fender Rhodes de Vincent Membrez lorgne vers la mélancolie d’un son jazz fusion. A l’inverse les effets électroniques de Jonas Kocher appellent un imaginaire futuriste peuplé de câbles et de robots. „La vie des songes est étrange“, dit Morgane Galley dans une prestation vocale très étendue, entre slam langoureux et chant lyrique. On peut imaginer alors, dans une clairière luxuriante du Jura, l’irruption d’une clarinette contrebasse: long instrument insolite qui, par la bouche de Lucien Dubuis, donne au disque une couleur de free-jazz onctueux.



Vera Kappeler Trio - "Nach Slingia"

www.jazzdimensions.de von Carina Prange

Die Schweizer Pianistin und Harmoniumspielerin Vera Kappeler stürzt mit ihrem Trio ihre Hörer in ein Wechselbad der Gefühle: melodiöse, kunstvoll verwobene, nahezu sanfte Stücke und dem Geräusch und schrägem Zusammenspiel der Musiker gewidmete Kompositionen wechseln sich auf "Nach Slingia" gewissermaßen ab.

Dabei gelingt es dem Trio, eine eigene Athmosphäre zu erzeugen, indem es sich erfrischender, unverbraucht und neu wirkender Klangwelten bedient. Auf der CD finden sich vorwiegend Stücke von Vera Kappeler, doch auch die zwei Songs aus anderer Quelle – "Hoosen Johnny" (trad.) und "Ol' Man River" (Kern/Hammerstein) – passen sich nahtlos in das Werk ein. Hier werden Kappeler, Simon Geber (b, dobro) und Lionel Friedli (dr) den Vorgaben insofern gerecht, dass sie eine nahezu "klassische" Interpretation für sich gefunden haben.

Ja, das Trio versteht es, als Band eine eigene musikalische Stimme zu entwickeln – mutig, experimentell und, wenn man so will, auch avantgardistisch. Das Motiv des Covers in typischer Veto-Records Manier (vielleicht entstanden in den Schweizer Bergen, ein Blick in den Fels beim Wandern?) illustriert es und auch der Titel der CD deutet es an: es geht um Musik, die sich auf die Reise macht…



Vera Kappeler Trio „Nach Slingia“ – KiKu Trio „Méthane“
Jazzthing- Nr 81 (D) – Falko von Almen

An den Schnittpunkten von freier Improvisation, Volkslied und Modern Jazz findet sich die Arbeit von Vera Kappeler - nur folgerichtig also, dass „Nach Slingia“ von der Verortung der Abstraktion im Konkreten und von der Suche des Konkreten in der Abstraktion geprägt ist. Das Spannungsfeld des Albums reicht von klangmalerischen Meditationen über repetitive, fast minimalistische Strukturen und freie Passagen bis hin zu einer abgedrifteten Version von „Ol’ Man River“. Dabei wird das Erwartbare nicht nur durch das Spiel mit den Stilistiken sondern auch klanglich immer wieder durchkreuzt, etwa wenn ein e.s.t.-artiger Groove-Teil von verschachtelten Spielzeugklaviermelodien eingerahmt oder mit dem Harmonium Anklänge von Alpenländler und Himalaya eingewoben werden. Besonders attraktiv sind die Stücke, in denen der Bass gegen die Dobro eingetauscht wird, ein Saiteninstrument, das in Kappelers Trio wie eine Kreuzung aus Zither und Banjo klingt. Ein frisches und musikalisch überzeugendes Album von einem jungen Ensemble, das seinen künstlerischen Standpunkt bereits gefunden hat.

…“Under construction“ könnte dagegen über dem Album des ebenfalls aus der Schweiz stammenden Kiku Trios stehen. Yannick Barman (tp,elec.) und Cyril Regamey, (drums) zwei Musiker aus Lausanne, haben ihr ursprünglich akustisches Duo zu einem Trio umgebaut, das stark mit elektronischen Effekten arbeitet. In der Kommunikation mit dem Pianisten Malcolm Braff entstehen mal luftige Räume für die Entfaltung frei improvisierten Themenmaterials, mal dichte, energiegelandene und mit elektronischen Sounds gespickte Passagen. Eine im Fluss befindliche Aufnahme von drei vielseitigen, kreativen Köpfen.


MUSIQUE - MÜSIK - MÜSÜK - MÜKÜS
Tom Gsteiger

Ist Müküs ein Geheimwort? Eine Abkürzung für “müde Küsse”? ... Fakt ist: Es war einmal ein kurdisches Fürstentum, das Müküs hiess. Nimmt uns also die Formation Müküs mit auf eine Reise durchs wilde Kurdistan? Ganz sicher nicht! Die Musik von Müküs ist einerseits hyperurban und weist andererseits Outerspace-Merkmale auf; als Soundtrack für einen exotisch-anachronist- ischen Abenteuerfilm mit Karl-May-Touch eignet sie sich nie und nimmer.

Müküs klingt irgendwie vertraut und ist doch ganz fremd. So geht es einem auch mit der Musik von Müküs - ihr innerstes Geheimnis gibt sie nie ganz preis. Als Spiritus Rector der Müküs-Musik darf der Bassist Lionel Gafner gelten, der nicht nur über eine blühende, sondern auch über eine wild wuchernde Phantasie verfügt. Magische Melodiemäander und verschachtelte Ostinato-Grooves gehören zu den Hauptzutaten, aus denen die sehr stark auf kollektive Interaktion ausgerichteten Stücke Gafners zusammengesetzt sind. In diesen ungewöhnlichen Stücken hat es für euphorische Höhenflüge ebenso Platz wie für apokalyptische Abgründe.

Das enorm facettenreiche Klangbild von Müküs fällt ebenfalls aus dem Rahmen. Die mal schnarrenden, mal schnatternden Kontrabassklarinetten- töne von Lucien Dubuis, die bizarren Klänge und fies fiepsenden Störgeräusche aus Jonas Kochers analoger Elektronikküche, die mysteriösen Keyboard-Sounds von Vincent Membrez und die enorm wandelbare, zwischen verführerischer Naivität und verhexter Bessessenheit oszillierende Stimme von Morgane Gallay: das ergibt eine ganz eigenartige und einzigartige Form von «Bitches Brew», die vom agilen Bassisten Gafner und vom draufgängerischen Schlagzeuger Fred Bürki stets am Köcheln bzw. Kochen gehalten wird. Und wie soll man dieses seltsame Ding beim Namen nennen? Wie wärs mit Experimental-Electronic-New-Urban-Space-Age-Rock-Jazz? Es geht auch einfacher: Müküs! Wer Müküs einmal gehört hat, vergisst nicht so schnell, wie Müküs klingt (nämlich wie Müküs).



Méthane, Kiku Trio, Veto Records
Di Vincenzo Roggero, http://italia.allaboutjazz.com

Kiku è un duo svizzero formato dal trombettista Yannick Barman e dal percussionista Cyril Regamey. Entrambi con solida preparazione accademica alle spalle, entrambi stregati dalla musica improvvisata e tuttora attivi in diverse orchestre sinfoniche e da camera, hanno pensato di coinvolgere in questa registrazione quel geniaccio di pianista brasiliano che risponde al nome di Malcom Braff. E la scelta è risultata la carta vincente di Méthane.

Quando prevalgono le trame sospese delle tromba di Barman, manipolata con un azzeccato uso dell'elettronica, e le sequenze ipnotiche, minimali delle percussioni di Regamey, il rhodes di Braff si inserisce liquido, sfuggente, vicino a certe intuizioni del Sun Ra tastierista ispirato. Il risultato è una musica da camera spaziale, senza forza di gravità, con i suoni che sembrano galleggiare nel vuoto, con distorsioni elettroniche atemporali che, come in un videogioco impazzito, vanno a sbattere contro le strambe linee melodiche create dal pianoforte.

Se a prevalere (ciò accade con meno frequenza) sono i ritmi serrati, Braff evidenzia il suo stile percussivo, incline a deviare da riferimenti più o meno classici, più o meno scontati, battendo i territori di una libera improvvisazione originale e personalizzata. Méthane è una riuscita combinazione di elettrico e di acustico, di manipolazione elettronica e di ricerca della purezza del suono, di ossessioni timbriche e di armoniose tessiture armoniche, di rigorosa scrittura e di imprevedibili devianze sonore. E' musica difficilmente etichettabile per i numerosi riferimenti a generi e stili che si possono cogliere e per l'abilità del trio nel tradurli in un linguaggio fresco e affascinante.



KiKu Trio »Méthane«
Jazz’n’more – Christof Thurnherr

Auf den ersten Blick ist das Cover nicht gerade so appetitlich: Ein detail eines grausigen Tiefseemonsters, aussen eine schlichte grafische Provokation mit türkiser Typographie auf fast irisierendem, giftgelbem Hintergrund innen. Gleichzeitig abstossend, irritierend und doch anziehend (auf Englisch gibt’s dafür das passendere „intriguing“) wirkt diese Gestaltung. Die Musik von Barman und Regamey, die zur Komplettierung des Trios den grossen Braff beigezogen haben, spielt mit genau diesen Gegensätzen. Ein schmerzverzerrtes Piano, dazu die schreckenerregende, weinerliche Trompete und daneben das fast unbeteiligte dahindümpelnde Schlagzeug – bis die drei dann über ein bombastisch aufbereitendes Break in die eigentliche Textur des ersten Stücks einleiten. Sodann dringt eine elektrisch verzerrte, mono-tonale, Improvi-sation der Trompete über die Andeutung eines südamerikanischen Patterns. Schliesslich inszenieren Sie eine mäandrierende Suche nach dem Höhepunkt über einem trägen Bluesthema, was nach siebzehn Minuten trabender Dringlichkeit kurz vor dem Gipfel sanft ausklingt. Und das ist erst das erste Stück dieser dramaturgisch einwandfreien und inhaltlich hochstehenden Zusammenstellung.

5-Sterne von 5!!!




Vera Kappeler Trio »Nach Slingia«
Jazzpodium (D) – Ulfert Goeman

…ungewöhnlich anders ist die Musik des Vera Kappeler Trios aus der Schweiz. „Nach Slingia“ erinnert mit seiner Kargheit und vieler ungewohnter Klänge ein wenig an Nick Bärtschs „Ronin“. Doch ist das Konzept hier ganz anders. Die Pianistin arbeitet mit Klängen, die den schweizerischen Bergen bzw. der Basler Trommelzunft entlehnt zu sein scheinen, wobei Einfaches verbogen und Komplexes in Fluss gebracht wird. Zwischen Simplifizierung und Abstraktion agierend sind die Stimmungen immer hochkonzentriert in Tönen zusammengefasst, die wegen der verwendeten Klangfarben (einem präparierten Klavier, Dobro, Harmonium, unorthodoxer Perkussion) hohen Erinnerungswert erhalten. Die Musik lebt von dem Ungewöhnlichen. So ist die Einladung dieses Trios Ende August dieses Jahres nach Wilisau folgerichtig!



Vera Kappeler Trio »Nach Slingia«
Jazz’n’more – Christof Thurnherr

Vera Kappelers Musik ist geprägt von einem ausserordentlich entspannten Verhältnis zur Zeit. An ruhiger Hand (mit einem richtigen, ausführlichen Intro!) führt sie den Hörer mit dem ganzen ersten Stück „Nach Slingia“, will heissen, in ihre eigene Welt. Diese ist voll von kuriosen Geschichten und Gedankengängen, die spielerisch, auf scheppernden Saiten, blasenden Balgen und klirrendem Spielzeug erzählt werden – in einem zugleich heimelig vertrauten und doch neugierig erkundeten Klangraum. Das Tempo ist gemächlich, was hier aber nichts mit langweilig oder trödlerisch zu tun hat. Und innerhalb der einzelnen Stücke spielt sie mit rhythmischer Ambivalenz. Das Stück „Nenner“ scheint sich darüber zu wundern, dass Dreiviertel- und Dreiachteltakt unterschieden werden: oder dass sie doch so nahe miteinander verwandt sind? Wie am letzten JazzNoJazz zu erleben war, fügen sich Gerber und Friedli wunderbar in diese verspielte Umgebung. Sie sind offenbar nicht nur da, um mit Bass, Resonatorgitarre und Perkussion die Ideen tonal zu vervollständigen, sie spielen richtig mit.



Nach Slingia, Vera Kappeler Trio, Veto Records (2009)
di Paolo Peviani - http://italia.allaboutjazz.com

Un incipit cinematografico. Un dobro dagli echi western, da duello alla pistola sotto il sole cocente del deserto, si stempera lungo un bordone portato dall'harmonium, fino ad assumere un andamento maestoso. Inizia così, tra timbriche inusuali e contrasti tra generi, questo album del Vera Kappeler Trio. E si prosegue tra lampi di jazz, blues, popolari. Strizzando un occhio a Keith Jarrett e l'altro a Esbjörn Svensson, secondo una formula nota e consolidata: armonie semplici arrangiate in modo complesso e, viceversa, armonie complesse ammorbidite da un'interpretazione fluida e ciclica.
L'elemento preminente, qui, è l'utilizzo di combinazioni strumentali inconsuete. Il toy piano, il dobro, l'harmonium. Alla batteria si sostituiscono le percussioni, decisamente meno invasive e più caratterizzanti, coloristiche.
Ed anche se sul piano compositivo non c'è nulla di particolarmente innovativo, l'aspetto timbrico è così interessante da farci dimenticare volentieri che, per molti versi, l'ascolto dell'album ha suscitato in noi ampi squarci di déjà vu.



KiKu Trio »Méthane«
Skug – Journal für Musik, Wien

Kiku kommen aus der Schweiz, sind ein experimentierfreudiges Trio mit Trompete, Klavier und Drums, dabei elektronisch manipulierten Sounds nicht abgeneigt und präsentieren mit »Méthane« ein Album, das live und im Studio aufgenommen wurde. Die Wurzeln dieser Instrumentalgruppe liegen eindeutig im Jazz, den es aber nicht möglichst getreu zu kopiert gilt, erforscht man doch etwas, das mit einem einzigen und einfachen Wort benannt werden kann: Musik.

Diese hier ist frei, frisch, real und beseelt, wenn nicht gar in Trance entstanden. Sie ist anders und verschieden, entfaltet und ereignet sich als gemeinsames Spiel dreier Individualisten. Wenn auch Don Cherry und die Michel Portal Unit aus den 70ern wie ein fernes Echo nachhallen, habe ich bis jetzt dennoch keine Band gehört, die wie Kiku klingt: Hier wird nicht sinnlos geblasen, hier bekommt man Songs und Soundtracks. Höchst aufregend!

NOËL AKCHOTÉ/Ü: F. KULCSAR



Vera Kappeler Trio »Nach Slingia«
Skug (A) – Journal für Musik, Wien

Auf dem Album für dieses Schweizer Label (das ein Kollektiv oder eine Künstlergruppe sein könnte) legt sich Vera Kappeler keine musikalischen Schranken auf, was mir sehr gefällt. Zum Teufel mit den Etiketten, der Himmel und andere Freuden liegen in der Musik. Kappeler spielt Klavier, warum sollten wir uns also auf eine Nische oder einen Stil beschränken? Es gibt das Leben, es gibt alle möglichen Musiken, die wir hören und die uns begleiten, und genau das spielt sie, ihre eigene Geschichte mit allem, was dazugehört. Gelistet wird das noch immer unter »Jazz«, aber wenn das auf dieses Album tatsächlich zutrifft, dann sind wir mit Sicherheit wieder dort, wo Jazz einen Sinn hatte und einfach Musik war. Wie immer man's nennt, wir werden es nehmen, wie wir es bekommen, auch von Kappeler, die für uns ihre eigene Geschichte in Tönen weiterspinnt. Es ist eine wahre Freude, eine sehr junge Künstlerin so natürlich und eigenständig spielen zu hören. Wärmste Empfehlung.

NOËL AKCHOTÉ/Ü: F. KULCSAR



Vera Kappeler Trio

Bröckelde Kinderliedchen
Weltwoche - Peter Ruedi

Ist Vera Kappeler die beste neue Jazzpianistin der Schweiz? Selbst sie würde über die Frage lachen, und sie lacht selten. Die in Winterthur lebende Baslerin ist ein ernsthafter Mensch, das heisst, sie investiert so viel Humor in ihre Musik, dass ausserhalb von der wenig übrig bleibt. Mal ein ätherisches Wesen, krempelt sie handkehrum die Ärmel hoch und haut Klötze in die Tastatur wie weiland Thelonious, als würde sie den staksig stolpernden rythmischen Gestus von Monks merkwürdigen Tänzchen in ihre Musik übertragen. Vera Kappeler ist nicht naiv und nicht kompliziert, sie ist schräg, und zwar buchstäblich - als kämpfte sie ständig um’s Gleichgewicht und würde die Kurve immer gerade noch so kriegen. Auf ihre verquere Weise ist sie gewiss die spannendste Pianistin zur Zeit. Spannend im Wortsinn. Zwischen dem Einfachen und dessen Verstörung knistert unablässig ein Hochspannungsfeld.

Vera Kappeler hat durchaus einen Hang zum ungebrochenen Schönklang, zum Hymnischen. Nur hält sie es darin nicht lange aus. Dass sie sich zu dessen Herstellung gern ans Harmonium setzt, sagt alles. Das Harmonium ist das denkbar hinfälligste Instrument zur Schaffung einer hohen sakralen Aura, die asthmatische Kleinstausgabe der Orgel. Der Hymnenklang, bei dem aus dem Tretbalg die Motten stieben. Zusammen mit dem (der?) Dobro, der Resonanzgitarre, zu der Bassist Simon Gerber gelegentlich gern greift, zusammen mit der nachbebenartig grummelnden Perkussion von Drummer Lionel Friedli ergibt das eine Musik von nächster Ferne: jenseitige Klänge wie im Titelstück „Nach Slingia“, vertrackt bröselnde, bröckelnde einfache Melodien, die oft still in sich zusammensinken. Auf dem Gampiross so hingesungene einbrechende Kinderliedchen. Daneben, ich sagte es, langt die fragile Dame auch mal ganz schön hin. Das Trio besteht aus drei kongenialen Ruinenbaumeistern, die manchmal auch veritable Kathedralen errichten („Ol’ Man River“) oder wenigstens Kapellen („Augenlied“, einer Art „Django“). Wenn auch sozusagen aus Zündhölzern.

Vera Kappeler Trio: Nach Slingia. Veto Records 003



Vera Kappeler Trio
Der Bund – Georg Modestin

Die Basler Pianistin Vera Kappeler gehört zu den geheimen Hoffnungsträgerinnen der Jazzszene. Mit „Nach Slingia“ legt sie ein Album vor, das den Erwartungen gerecht wird.

Obwohl dies im Rahmen einer Vorschau nicht üblich ist, sei dem Verfasser dieser Zeilen ein kleiner Rückblick auf seine eigene Sozialisierung mit dem Jazz erlaubt. Sein allererstes Lieblingsstück war nämlich „Ol ‚Man River“ – einst von Jerome Kern und Oscar Hammerstein für das Musical „Show Boat“ (1927) geschrieben -, und zwar in der Instrumentalfassung von Bix Beiderbecke und Frankie Trumbauer aus dem Jahre 1928. Noch heute jagt ihm die Erinnerung daran einen Schauer über den Rücken. Umso schöner ist es, wenn es bei rarer Gelegenheit neue Interpretationen dieser Komposition zu entdecken gibt, zuletzt als Schlussnummer und einziger Standard auf Vera Kappelers Erstling „Nach Slingia“, der dieser Tage auf veto-records (Plainisphare) erscheint - als zweifellos stillste Produktion in dem im Aufbau begriffenen Katalog des jungen von Musikerhand gefürhten Labels.

Sensible Künstlerin
Kappelers in Form einer sehnsuchtsschwangeren Country Ballade träge dahinfliessender „Ol’Man River“ - gemeint ist natürlich der Mississippi – illustriert auf sehr schöne Weise, wie sich die 1974 geborene Baslerin, die in Winterthur klassisch ausgebildet worden ist, daneben aber auch Jazzunterricht genossen hat, eine fremde Vorlage so zu eigen macht, als stamme das Stück von ihr. Ihr „Ol’Man River“ klingt wie kein zweiter; höchstens gemahnt er an andere Titel auf demselben Album, die aber – mit einer weiteren Ausnahme - alle der Feder der Leaderin entsprungen sind.

Die Pianistin, die zur Erweiterung ihres klanglichen Spektrums gewinnbringend auch zum Harmonium greift, hat sich einen Ruf als sensible, den einzelnen Tönen grosse Beachtung schenkende und aller oberflächlichen Virtuosität abholde Künstlerin erspielt. „Nach Slingia“ hält nun diesen Erwartungen stand, nicht zuletzt durch die Mitwirkung des Bassisten Simon Gerber und des Schlagzeugers Lionel Friedli, die klingen, als hätten sich Tom Waits und Thelonious Monk in einer Bar miteinander verbrüdert. Dann rumpelt die Musik wiederum daher wie eine altersschwache Diesellok, für die man voller Nostalgie hofft, dass sie nie ersetzt wird. Manchmal sind es aber auch nur ein paar schwebende Klänge, die den Zauber eines Augenblickes ausmachen. Damit wird klar, dass die Schönheit dieser Musik eine durchaus hintergründige ist, die sich still und, so möchte man meinen, unbemerkt, ja vielleicht sogar ungewollt entfaltet.



Vera Kappeler Trio
Brüche und Ausbrüche
Wiler Zeitung – Tom Gsteiger

Vera Kappeler machte sich am Konservatorium Winterthur mit den Finessen der abendländischen Klaviermusik vertraut, um schliesslich bei einer Form von Jazz zu landen, bei der sie mehr Wert auf archaische Ausdruckskraft als auf filigrane Flinkfingrigkeit legt. „ In meiner musikalischen Entwicklung gab es viele Irr- und Umwege. Jetzt weiss ich besser, was ich will und was ich nicht mehr brauche“, sagt die Pianistin. Ihre zwischen rustikal-rumpelnder Schroffheit und leiser Melancholie oszillierenden Stücke entwickelt die sensible Künstlerin in Etappen: „Am Klavier probiere ich Ideen aus. Wenn mir etwas gefällt, schreibe ich es auf und lege es weg. Wenn die Idee nach Tagen oder Monaten noch Bestand hat, mache ich weiter. Ich sammle fast alle meine Ideen“.

Mit Trio einen Wunsch erfüllt
An effekthascherischen Kapriolen ist Kappeler nicht interessiert. Sie nahm Unterricht beim begnadeten Basler Jazzpianisten Hans Feigenwinter. Als Riesenentdeckung mit befreiender Wirkung“ bezeichnet sie die Aufnahmen von Blues-Pionieren: „Da wimmelt es von komischen, unregelmässigen Formen. Und manchmal wird der Rhythmus total über den Haufen gerührt“. Mit der Gründung ihres eigenen Trios ist Kappelers grösster Wunsch in Erfüllung gegangen: „Ich wollte ein Gruppe, mit der ich meinen Ideen noch besser auf die Schliche komme.
„Mit dem schnörkellosen Kontrabassisten Simon Gerber, der auch Gitarre und Dobro spielt, und dem fintenreichen Schlagzeuger Lionel Friedli hat die Pianistin, die ihr Spektrum an Sounds durch den gelegentlichen Einsatz eines Harmoniums und Spielzeugklaviers erweitert, hellhörige Mitstreiter, die sich auf ihre zugleich nostalgische und fortschrittliche Vorstellungswelt einzufühlen vermögen.

Torkelnde Gefühle
Ein stück auf Kappelers kürzlich erschienener Trio-Cd „Nach Sliniga“ trägt den Titel „Meine Bar“. Würde Kappeler eine Bar aufmachen, dann stünde dort mit grösster Wahrscheinlichkeit eine Jukebox mit einer eigenwilligen Musikauswahl: Tom Waits dürfte nicht fehlen, dazu kämen alter Blues und diverse Volksmusik, New Orleans Jazz und Fats Walller, ein bisschen zeitgenössischer Jazz und wohl auch Klassik.
In ihrem Klavierspiel hat sich Kappeler allerdings meilenweit von Mozart oder Chopin entfernt, und ihr Trio schreibt sie keinen minuziösen Partituren, sondern Miniaturen, die die Gefühle heftig ins Torkeln bringen. Sie brauche die Reibung von liedhaft-einfachen Melodien und komischen Klängen, sagt Kappeler und fügt hinzu: „Ohne Ausbrüche, ohne Überraschungen und Geheimnisse geht es nicht.



Vera Kappeler Trio
Frei grasende Schreibmaschinen
Der Landbote

> download PDF



Kappeler/KiKu
Folk-Jazz trifft Jam-Jazz
Luzerner Zeitung – Pirmin Bossart

Das junge Luzerner Label Veto Records wartet mit zwei Neuveröffentlichungen auf: Darunter eine Trio-CD der angesagten Jazzpianistin Vera Kappeler.

Der erste Track ist auch gleich das Titelstück: „Nach Slingia“ überrascht den Hörer mit seinem sphärischen Folk-Timbre. Die Pianistin spielt Harmonium, der Bassist die Dobro. Das ist schon mal ungewöhnlich. Aber es ist nicht alles, das dieses Album zu einem Lichtblick unter der aktuellen Schweizer Jazzveröffentlichungen macht.

Vera Kappeler (Piano, Harmonium, Toy Piano), Simon Gerber (Bass, Dobro) und Lionel Friedli (Drums) bewegen sich in klanglicher Transparenz und heiterer Gelassenheit durch die zehn Tracks. Doch hat das nichts mit der Virtuosität und Poliertheit gewisser modische Piano-Trios zu tun. Die Musik hier hat eine eigenständige Qualität. Sie ist markant und bodenständig. Andererseits auch entwaffnend schlicht und quer.

Folk Noir Jazz
Sentimental-berührende Tracks wie „Nach Slingia“ und „Hoosen-Johnny“, das geheimnisvolle Folk-Noir-Stück „Knock“ oder das amerikanische Traditional „Ol`Man River“ lassen an eine eigenständige „Folklore imaginaire“ denken. Doch ist das mitunter Songhafte in diesen Stücken nur Bestandteil von etwas Umfassenderem, zu dem sich auch abstrakte, repetitive und verwinkelte Tonfolgen gesellen.
Die in Winterthur lebende Pianistin Vera Kappeler (34) ist in den letzten zwei Jahren zunehmend ins Rampenlicht der neuen Jazzszene gerückt. Sie absolvierte ein klassisches Klavierstudium und nahm auch Unterricht beim Jazzpianisten Hans Feigenwinter. Zusammen mit Bettina Klöti interpretiert sie als Duo Bergerausch unbekannte Schweizer Volkslieder.
Sie ist auch Mitglied eines Quartetts der Sängerin Marianne Racine oder spielt mit Andy Scherrer und Manuel Mengis. An den diesjährigen Stanser Musiktagen war die Pianistin im neuen Quartett des Berner Spoken Word Künstlers Jürg Halter zu hören.

Kiku Trio
Gleichzeitig mit dem Vera Kappeler Trio hat veto-records die erste Scheibe des Kiku Trios veröffentlicht. Kiku ist ein Projekt des Westschweizer Trompeters Yannick Barman. Auf Méthane“ spielt Barman mit dem Bassisten Cyrill Regamay und dem bekannten Pianisten Malcolm Braff. Dazu kommt eine gelegentliche Elektrospur, die Barman keck in den Jamsound legt.
Barman ist ein experimentierfreudiger Fabulierer auf der Trompete. Aber er hat auch die kühlen Bögen drauf, die melancholischen Träumereien, die klagenden Reduziertheiten. Vor allem lässt er einen frischen Zugang zur Elektronik hören, der weiter und unberechenbarer gefasst ist als die schwüle Trip Hop-Ästhetik von Nu-Jazz-Trompetern wie Nils Petter Molvaer und Erik Truffaz.

Lange Tracks
Wohltuend, wie sich dieser Jazz an keine Trend-Krücken für ein breiteres Publikum hält, sondern unbeschwert und manchmal fast etwas eigensinnig den musikalischen Instinkten folgt. Von den fünf Tracks sind drei über zehn Minuten lag, einer geht gar über 20 Minuten. Das ist lang, aber man muss sich nicht langweilen.
Unterwegs hören wir facettenreich ausufernde Piano-Passagen, begeben uns auf rhythmische Fährten ohne Schlagzeug, lauschen einem abgedrehten Trompeten-Rezital und werden immer mal wieder von den unbekümmert eingesetzten Elektro-Infusionen überrascht. Die Musik ist nicht gekünstelt, sondern mäandert verspielt und „down-to-earth“. Das macht sie sogar zugänglich.



Scope

All about Jazz Luca Vitali http://italia.allaboutjazz.com
(aus dem Italienischen übersetzt von C. P.)

In verdienstvoller Weise versucht das Label Veto Records seit ein paar Jahren jungen Schweizer Musikern mit besonderen technischen Fähigkeiten, Kreativität und Experimentierfreude eine Stimme zu geben.
Scope, die Formation des Pianisten Hans-Peter Pfammatter, die sich auf eine Art dem "groove" eines Nik Bärtsch, ebenfalls Schweizer, verschrieben hat, vielleicht mit weniger Eleganz und Feinheit, jedoch mit mehr Kraft und Forwärtsgerichtetheit, beweist Eigenständigkeit.

Am gelungensten sind die Passagen, in denen der Bandleader am Keyboard sitzt, die Passagen am Piano sind dagegen eine Spur einfühlsamer, aber weniger wirksam. Kochende Rhythmen, unterlegt mit einem vom Tasteninstrument erzeugten Klangteppich, auf dem die Bassklarinette sich rauf-und runterspielt, alternieren mit lyrischen Elementen, die wiederum von Verzerrungen aus der Ruhe gebracht werden, während Pfammatter sich am Klavier in Szene setzt. Dunkel-magmatische Teile werden von eher rockigen Passagen abgelöst, wobei das Schlagzeug gemeinsam mit dem Elektrobass zum Höhepunkt treibt, wodurch der Sound flüssig und amalgatisch wirkt.

Die einzelnen Stücke schöpfen die expressiven Möglichkeiten der Instrumente aus, ohne je kitschig oder anbiedernd zu sein. Die schwer etikettierbare Musik lässt gute und interessante Ansätze und Ideen erkennen, aber überzeugt insofern nicht vollständig, als sie einem als Ganzes perplex zurücklässt - die Suche scheint unabgeschlossen. Der Bandleader am Piano dürfte das Spiel mehr bestimmen, doch paradoxerweise scheint er kaum zu begleiten, während eine Menge sonores Fluidum von geladener Emotionalität aus den Tasten strömt. Gut ist die Individuelle Leistung der einzelnen Musiker, besonders des Klarinettisten Lucien Dubuis, der über weite Strecken die expressiven Möglichkeiten seines Instruments bestens ausschöpft, indem er Dissonanzen und Spannungen von grosser Kraft und Emotionalität erzeugt. Und gut ist auch das Zusammenspiel, das von bemerkenswertem Zusammenhalt zeugt und die Freiheit der Phrasierungen, wobei ein paar Momente der Perplexität bestehen, die sich jedoch in Zukunft zu einem Wendepunkt entwickeln könnten, zu einem Element, das die Band bestätigt.



Veto
Jazz Guerilla
Der Landbote – Tom Gsteiger

Veto-records ist ein neues Label, dessen Produktionen fernab des braven Mainstreams anzusiedeln sind. Veto heißt das neue Quartett des umtriebigen Unruhestifters Christoph Erb: Der Schlagzeuger Julian Sartorius und der Kontrabassist André Pousaz sorgen für Hochdruck hinter den beiden sich gegenseitig anfeuernden Saxofon-Expressionisten Erb (Tenor) und Achim Escher (Alt). Das Resultat: Dampfkochtopf-Jazz, der Erinnerungen an die New Yorker Downtown-Szene weckt. Auf dem Live-Mitschnitt mäandert die Gruppe in langem Stücken auf fesselnde Weise zwischen pumpenden Adrenalin-Grooves, ungestümer Rotzlöffel-Action und kurvenreich-abstrakter Melodik.



Veto
All about Jazz – Vincenzo Roggero / http://italia.allaboutjazz.com

Che dire di un disco come Veto di Christoph Erb? Che è registrato dal vivo, che prevede solo due lunghi brani, che i protagonisti sono quattro improvvisatori svizzeri, che dietro la sezione ritmica si danno da fare il sax contralto di Achim Escher ed il sax tenore o il clarinetto basso del leader.
E ancora, che i brani hanno una struttura aperta con qualche raro momento di raccordo rispetto alle sortite solistiche, che i protagonisti fano sfoggio di grande competenza e tecnica strumentale, che sanno esplorare tutta la gamma espressiva consentita dai rispettivi strumenti.
Se nonché l’ascolto del disco ti instilla il dubbio che quella presente in Veto sia una proposta musicale indissolubilmente leagata al momento esecutivo, ad una fruizione in tempo reale da parte dell’ascoltatore/ spettatore che puo cogliere soffi, vibrazioni, umori, ed una creatività istantanea inevitabilmente offuscati dal passaggio su CD.
Veto-records è un etichetta che investe nella sperimentazione e nelle registrazioni dal vivo al fine di cogliere l’autentcitate la spontaneità della musica..



Veto
Christoph Erb „VETO“

Jazzzeit (A) – Ferstl

“Veto”: Aus leisem Geflüster wird ein bombastischer Groove, aus zwei Saxofonen wird ein mächtiger Sound aus Melodie, dazu Bass und Schlagzeug. Die neue CD von Christoph Erb, erschien auf dem brandneuen schweizer Label veto-records, ist ein gelungenes Experiment aus Komposition, Improvisation und Jazz. Erb, welcher alle Fassetten des Saxofons kennt und auch bewusst ausspielt, hat seines Gleichen gefunden, denn mit dem Altsaxofonisten Achim Escher, Kontrabassist André Pousaz und Schlagzeuger Julian Sartorius kosten sie alle Farben und Klänge der jeweiligen Instrumente voll und ganz aus. Dieses Klanggemisch reicht von Samt-weich bis hin zu kratzig wie Stacheldraht. Untermalt wird das Ganze von einem gewaltigen Beat, der alle Nerven im Körper des Zuhörers zum beben bringt, um sie dann bei den plötzlich wieder ruhigeren Teilen wieder in Entspannung zu setzen. Christoph Erb und Veto – Grandios! Kein Grund ein Veto einzulegen.



Veto
Kein Veto gegen Jazz im Kino - Jazzwerkstatt Festival, Bern

„Der Bund“ – Tom Gsteiger

...der Schlagzeuger Julian Sartorius sorgte mit dem Kontrabassisten André Pousaz für Hochdruck hinter den sich anfeuernden Saxofon-Expressionisten Achim Escher und Christoph Erb. Dieses furiose Quartett trägt den Namen Veto und so heisst auch ein Label, das vom umtriebigen Unruhestifter Erb ins Leben gerufen wurde. Gegen Erbs Guerilla-Jazz soll hier kein Veto eingelegt werden. In langen Suiten mäandert die Gruppe auf fesselnde Weise zwischen pumpenden Adrenalin-Grooves, ungestümer Rotzlöffel-Action und kurvenreich-abstrakter Melodik.



Veto
„VETO“ Christoph Erb

Jazz ’n ’more - Pirmin Bossart

Musik mit einem langen Atem, die nicht bloss ein wenig an der Oberfläche glitzert: Das bietet Veto, die jüngste Band des Luzerner Saxofonisten und Bassklarinettisten Christoph Erb (erb_gut, Lila). Die Cd besteht aus zwei Tracks von 35 Minuten und von 14 Minuten, die live eingespielt wurden. Erb hat die CD auf seinem selber gegründeten Label herausgebracht – durchaus verstanden als Akt der Selbstbestimmung gegenüber einem Musikbusiness, das je länger desto stärker nur noch auf Genormtes und Mainstreamiges setzt. Vetos Musik ist ein Statement gegen die Durchschaubarkeit von Erlerntem und ein Plädoyer für die Herausforderung des Loslassens. Sie entsteht aus kleinsten Zellen, die von den vier Instrumentalisten in kollektiver Interaktion entwickelt werden. Während Track 2 Reduktion und kecke Aufmüpfigkeit in Fluss bringt umfassen die Reichweiten von Track 1 neben melodiös schwirrenden Kernzellen auch free rockig getöntes und forsch gepulste Grooves. Aber sie sind nur Ausbuchtungen in einem viel Grösseren aus Klang, Kollektiv und Space. Hier ist die nächste Generation von Jazz Schweiz, die dem Akademischen und Überlieferten etwas freakig Zeitgenössisches entgegensetzt. Die Lust am Prozess, ohne dass ihr ein Konzept im Weg steht oder ein dubioser Kunstgeschmack befriedigt werden will. Die vier Musiker allesamt bekannte Cracks der jüngeren Szene, von denen jeder Einzelne auch sonst eine prägnante Stimme am entwickeln ist.



Veto

„Veto“, eine musikalische Reise
„Der Bund“ - Georges Modestin

.....zu hören sind zwei ausgedehnte, Mokotòw Part I bzw. Part II genannte Sequenzen, deren kompositorisches Gerüst auf Leader Erb zurückgeht. Die Gruppe begibt sich darauf auf eine musikalische Entdeckungsreise durch einen von unterschiedlichen Stimmungen geprägten Mikrokosmos. Dabei zeigt sich auf schöne Weise, dass Freiheit nicht Beliebigkeit bedeutet, sondern erst durch verbindliche Strukturen, in denen sich alle periodisch wieder finden, ermöglicht wird. Diese Strukturen haben einen starken rhythmischen Unterbau, der Erb’s Interesse am Rock verrät. Das Abspielen kanonischer Schemen liegt dem Saxofonisten nicht.. Allerdings ist er Jazzer genug, um den improvisatorischen Handlungsspielraum zu nutzen, dem ihm diese Musik gibt.....



Veto
Christoph Erb - VETO

Digitale Jazz-Zeitung (DE) - Joachim Holzt-Edelhagen,

...dieses Album ist ein musikalischer Hochkaräter mit feinem Geschmack und Klarheit !



Veto
Sehr dafür !

Das Kulturmagazin, Luzern - Christoph Fellmann

Die Cd beginnt als Dialog von Christoph Erb am Tenorsaxofon und Achim Escher am Altsaxofon: Elegante Linien kreisen in der Tiefe um das nervöse Zwitschern und Zucken des höheren Instruments. Das Zusammenspiel von Erb und Escher bleibt auch das Zentrum der Gruppe Veto, als André Pousaz, bass und Julian Sartorius, drums nach drei Minuten einsetzten. Hier entsteht immer neue Reibungs- und Kollisionsenergie, das Schlingen und Schreien der beiden Saxofone ist bisweilen von horrendem Schub und einer mitreissenden Kraft, der die lyrischen Momente erst mal abgerungen sein wollen. Darunter legen Pousaz und Sartorius genauso stupend den frei beweglichen, auf- und abschwellenden Puls für die zwei langen Stücke dieser Live-CD. Es gibt hier – anders als bei Erb’s Band „erb_gut“ keinen Rock und keinen Chill. Das hier ist Jazz, akustisch, fast klassisch - aber auf fabelhaftem Niveau. Also kein Veto: Gegen diese hervorragende Band gibts gar nichts einzuwenden.



Scope

Scope: Nu-Gara
NZZ am Sonntag - Manfred Papst

Der 1974 in Siders geborene Keyboarder und Komponist Hans-Peter Pfammatter ist schon in Christy Doran’s New Bag und im Gilbert Pfaeffgen Trio positiv aufgefallen. Daneben hat er auch mehrere andere Formationen, darunter die bemerkenswerte Band Lila. Sein neues Projekt, das auf den Namen Scope hört, lässt erneut aufhorchen. Diesmal hat Pfammatter sich mit dem Bassklarinettisten Lucien Dubuis, dem E-Bassisten Urban Lienert und dem Schlagzeuger Lionel Friedli zusammengetan. Die Kompositionen zu „Nu-Gara“ sind in Berlin entstanden. Das merkt man Ihnen an: Die elektrifizierte Musik, die Elemente von Rock, Punk, Crossover und Energy-Jazz verbindet, reflektiert das Leben der Grosstadt. Kristalline Unisono-Passagen wechseln ab mit kantigen Riffs und dreckigen Soundscapes über treibenden, bisweilen ungeraden Beats. Oft gehen die Improvisationen von einer Ostinato-Figur aus, die von einem Musiker intoniert und dann von den andern aufgenommen und variiert wird - und so in einen urbanen Dschungel führt, in dessen Weiten man sich gern verliert.



Veto-Records